Schon seit vielen Jahren war ich nie mehr in der Nähe von karnevalistischen Aktivitäten. Der ganze Trubel und die Aussicht auf bierselige Fröhlichkeit von Kostümierten, die olle Lieder grölen, sind mir irgendwie suspekt. Aber ein Ausflug zur Fasnacht nach Luzern hat meine Meinung verändert. Warum?
Voller Vorbehalte zur Parade nach Luzern
Ich habe eine lange Liste von Gründen, warum es uncool ist, auf Fasching zu gehen. „Organisierte Fröhlichkeit“, „Vorwand zum Besaufen“, „Kommerz“, „Abfallberge“, ihr kennt das alles.
Deshalb war ich selbst ganz überrascht, dass ich mich zur Fasnachtsparade nach Luzern aufgemacht habe.
Plan B
Wir hatten Besuch, so habe ich mir gedacht: Luzern ist eine wunderhübsche Stadt, da kann man nichts falsch machen. Selbst wenn man hinreist, und die Fasnacht taugt nix, kann man sich umdrehen, einfach auf den See und die Berge schauen und trotzdem einen guten Tag haben. Also keinerlei Risiko.
Aber als wir dann ankamen, musste ich zugeben, dass ich falsch lag.
Warum Fasnacht gar nicht übel ist
Die fünfte Jahreszeit ist besser, als ich von meinem protestantisch-nörglerischen Sesselchen aus gedacht habe:
Befreiende Vielfalt
In einer Zeit, in der in jeder Fussgängerzone die gleichen Geschäfte zu finden sind, und wir weltweit die gleichen Filme schauen, ist es unglaublich bereichernd, kleine Ecken von hochregionalisierten Traditionen zu geniessen.
Mitten dabei auf einem Laufsteg mit Designs, die es so nur einmal gibt. Authentisch und originell: ganz umsonst und draussen.
Kunstfertigkeit
Bei der Parade zur Fastnacht in Luzern fallen zuerst die übergroßen Masken auf. Die einzelnen Zünfte tragen dann jeweils als Gruppe entweder die gleichen Masken oder zum Thema passend. Monster, Hexen, Trolle wandern durch die Strassen, aber wir trafen auch auf Gesichter aus Tim und Struppi oder Harry Potter.
Zur Parade gehört zu jeder Gruppe auch Musik und ein Wagen. Manche machen ihre eigene Musik, andere haben Lautsprecher. Die traditionelle Musik zur Fasnacht ist die Guggenmusik. Endlich können die Blasinstrumente mal so richtig Krach machen und glänzen!
Zeitreise
Luzern erinnerte mich an die Umzüge der alemannischen Fastnacht aus meiner Kindheit.
Plötzlich dachte ich, wie es auch etwas ganz Besonderes ist, wenn man Freude an etwas hat, was schon Leute vor Jahrzehnten oder Jahrhunderten bewegt hat.
Natürlich gibt es moderne Elemente. Aber es ist aus der Zeit gefallen. So, wie wenn man sich an einem Stück von Bach probiert und dabei denkt, dass schon Menschen seit Hunderten von Jahren die gleichen Noten (vermutlich wesentlich besser!) spielen. Plötzlich gleitet man durch ein Miniportal in die Vergangenheit!
Familiendynamik
Wenn man es nur im Fernsehen sieht, ist es ein bisschen steril. Aber eigentlich ist die Fasnacht ein Fest der Gemeinschaft und der ganzen Familie. Auch in Luzern sieht man viele sehr kleine Gestalten beim Umzug mitgehen, denn selbst die Kinder der Zunftmitglieder haben schon aufwendige Kostüme mit Masken.
Ebenso gibt auf den Strassen einfach Familien, die sich im Ensemble verkleidet haben. Kleine Handwagen komplettieren den Look. Ob als Camper mit VW-Bus, als Helikoptereltern mit dem Outfit der Rettungsgesellschaft oder als Astronauten mit Raumschiff, gemeinsam sieht man stark aus. Manche Kostüme machen einzeln gar keinen Sinn: nur sechs Leute in den sechs Farben des Rubik-Cubes begleitet von einem großen Würfel zum Mitziehen machen das Kunstwerk komplett.
Rollen- und Themenwechsel
Egal, ob Halloween, Theme Party, Karneval oder Fasnacht, plötzlich kann sich jeder verkleiden, wie er will. Ganz sicher kann man sich mit Geld teuere Kostüme leisten, aber Kreativität kann auch ein schmales Budget ausgleichen. Also sieht man mal nicht gleich auf den ersten Blick den sozialen Status der Maskierten.
Mit so einer riesigen Maske in Luzern kann man zum Superhelden, Monster oder zur holden Jungfrau wachsen. Mal austesten, wie es sich als Schurke lebt?
Über die Verkleidung kommt mit Menschen ins Gespräch, mit denen man sonst vielleicht nie gesprochen hätte. „Was bist du?“, „Tolles Kostüm!“, „Hast du das selbst gemacht?“.
Wir sind nicht so lange geblieben oder zum Schunkeln ins Restaurant gegangen. Also haben wir bestimmt nur ein ganz kleines bisschen Fasnacht erlebt. Aber es war vergnüglich, mit Freunden ständig was Neues zu entdecken und Kostüme zu loben.
Inspiration und Lebensfreude
Aber ich habe mich gefühlt, wie bei einer Tour durch den Kostümfundus der Oper. Voll fantastisch, wie viel Fantasie und Mut zur Ausgelassenheit in den Leuten steckt! Ich bin allen dankbar, die sich an dem Spektakel mit so viel Liebe zum Detail beteiligt haben – das macht die Welt doch gleich ein wenig bunter und noch spannender zu erkunden!

Ein paar Fakten zu Fasching, Fasnet und Karneval
Nachtrag: Wer macht sich zum Narren und warum? Über Karneval, Fasching und mehr
Natürlich gibt es in vielen Kulturen Traditionen, die das Ende des Winters beschleunigen sollen. Auch wilde Masken mit bunten Gewändern kann man an vielen Orten beobachten.
Im christlichen Kalender beginnen am Aschermittwoch die vierzig Tage Fastenzeit bis zum Osterfest. Da macht es Sinn, es vorher noch einmal richtig krachen zu lassen. (Deshalb ist es extra verwirrend, dass in der Schweiz der Zeitpunkt der Fasnacht von Ort zu Ort variieren kann. Basel feiert es eine Woche später. Schummeln die Basler etwa beim Fasten??)
Kirchenreformer haben viele abergläubische Traditionen abgeschafft und deshalb wird heute vor allem in vorwiegend katholischen Gegenden die Fastnacht gefeiert.
Und weil es so alte Bräuche sind, die noch aus Zeiten der Kleinstaaterei und regional beschränkten Austausches stammen, sind heute Im deutschsprachigen Raum die Unterschiede in Namen und Gebräuchen der ausgelassenen Zeit gross.
Je nach Region hat man andere Namen für die ausgelassene Zeit: Am Rhein ist es Karneval, im Süden die Fasnacht, Fasnet oder Fasching. Es gibt unterschiedliche Traditionen und Bräuche.
Im Süden hört man Guggenmusik, im Karneval in Köln begeistern die Funkenmariechen beim Gardetanz das Dreigestirn.
Die schwäbisch-alemannische Fastnacht hat UNESCO Status. Auf kleinem Raum variieren Häs (Kleidung), Larve (Maske) und Traditionen. In den meisten Orten gibt es mehrere Gruppen oder Zünfte mit jeweils eigenem Kostüm, Maske und Attributen, die sie über die Jahrzehnte beibehalten.
Beim Narrensprung in Rottweil fliegt der Federahannes mit langen Stäben hoch durch die Gassen. Der Fransennarr in Schömberg hat 70 bis 90 Meter Wollfransen auf sein Häs genäht. Der Narro in Villingen-Schwenningen hat es sehr schwer: allein die Metallrollen an seinem Kostüm können bis zu 24 Kilo wiegen.
Viele Vereine haben handgeschnitzte Masken. Alle Kostüme werden aufwendig handgefertigt oder handbemalt. Diese kostbaren Schätze bleiben oft in Familienbesitz und können Jahrhunderte alt sein.
Bei den Paraden oder Umzügen gibt es kunstvolle Wagen. Im Rheinland sind sie meist tagesaktuell politisch und satirisch. Im Süden kann auch nur ein Leiterwagen mit einem Kessel Glühwein sein.
Bei jedem Umzug will das Publikum unterhalten und massvoll erschreckt werden. Es gibt Ratschen, die knarzen. Lange Peitschen, mit denen geknallt wird. Manche führen Leitern mit, um Zuschauern in den oberen Stockwerken zu überraschen. In Düsseldorf und Köln regnen Kamellen auf begeisterte Karnevalisten.
Auch wenn man meist vom Karneval in Rio oder Venedig schwärmen hört, kann es sich doch lohnen, ein paar hier in der Umgebung auszuprobieren. Vielleicht werdet ihr ja genauso positiv überrascht wie ich!




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